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Die Reformation in Herzberg

Wenn Herzberg (Elster) jemals leuchtend in der deutschen Geschichte hervorgetreten ist, dann im Zuge der Reformation im Wirkungskreis der großen Denker und Rebellen Philipp Melanchthon und Martin Luther. „Unstrittig ist, dass nach der 1522 erfolgten Einführung der Reformation in Herzberg die beiden großen Reformatoren unsere Stadt besuchten“, legt Ortschronist Helmut Knuppe in seiner Schrift zum Wirken Luthers in der Region dar. „Wenigstens ein genaues Datum ist dafür jeweils belegt“, ist in der Chronik von Ulf Lehmann dazu zu lesen. „Mit sechs Pferden bringt der Rat der Stadt Torgau Martin Luther am 24. April 1522 nach Herzberg“. „Und von Philipp Melanchthon wissen wir aus einem Brief an Justus Jonas, dass er vom 17. bis 23. Dezember 1533 in Herzberg weilte“. Allgegenwärtig sind die beiden nunmehr seit 1594, seitdem ihre Ölgemälde aus der Chranachschule in der Stadtkirche hängen. Martin Luther hatte am 29. April 1515 die Aufsicht über das Herzberger Kloster übernommen. In einem Brief vom 26. Oktober bezeichnet er sich als der Sachwalter des hiesigen Augustinerklosters und verhandelt für diese mit dem Kurfürsten um die weitere Besetzung der Pfarrstelle an der Herzberger Stadtkirche. „Mit Luthers Abkehr vom Mönchsgelübde 1521 ist das Ende der Klöster im ernestinischen Sachsen besiegelt“, stellt Ulf Lehmann in seinem Werk „Das Augustiner-Eremiten-Kloster in Herzberg (Elster)“ fest. Tatsächlich wird die Messe am 22. Februar 1522 in Herzberg abgeschafft, am 20. April 1522 übergibt der Herzberger Konvent das Kloster mit allem Zubehör und dem Haus in Torgau dem Kurfürsten. Es kam noch im gleichen Jahr zum feierlichen Auszug der Mönche aus Herzberg. Nicht umsonst setzte Martin Luther 1522 Andreas Wagner, den Beichtvater Friedrich des Weisen auf dessen Geheiß im Folgenden als ersten evangelischen Pfarrer in Herzberg ein, um die Schulen, Klöster und Pfarreien nach den reformatorischen Gedanken neu zu ordnen. 

Gemälde Martin Luthers in der Stadtkirche St. Marien Herzberg

Bereits nach zwei Jahren war die Trennung zwischen Kloster und Pfarrei von ihm im Sinne des Kurfürsten vollzogen. Auch nach dem Tode Friedrich des Weisen war dieser engagierte Pfarrer an den Schul- und Kirchenvisitationen der Jahre 1529 und 1533 beteiligt. Gemeinsam mit den Städten Torgau und Wittenberg darf sich Herzberg also zurecht zu den Geburtsstätten der Reformation zählen. Nicht nur, dass der Augustinerorden, dem auch Luther angehörte, sich ausgehend von Herzberg in Wittenberg niederließ und die ersten Kirchenvisitationen hier von den Reformatoren persönlich geführt wurden, deren Protokolle das Stadtarchiv füllen. Nein, hier wurde seither ein Bildungszentrum besonderer Güte aufgebaut und gepflegt. Schon 1506 wurde die Wittenberger Universität wegen der dort wütenden Pest nach Herzberg verlegt.

Die erste deutsche Schulordnung wurde für die Herzberger Lateinschule von Martin Luther und Philipp Melanchthon 1538 persönlich entworfen und fand von hier aus Ausbreitung und Nachahmung in ganz Deutschland. Sie wurde zum Ausgangspunkt und Vorbild für die Reformation des Schulwesens und den Aufbau einer neuen, modernen Schullandschaft

Bereits 1555 ist in der heutigen Kreisstadt eine Jungfernschule nachgewiesen.

Auch ist es kein Zufall, dass 1516 in Herzberg ein „Churfürstlicher Konvent“ stattfand, zu dem sich so hochherrschaftliche Persönlichkeiten wie

  • Kurfürst Friedrich der Weise
  • Herzog Johann der Beständige (damals noch nicht Kurfürst)
  • Pfalzgraf Wolfgang am Rhein
  • Kurprinz Johann Friedrich der Großmütige und
  • Fürst Wolfgang von Anhalt

versammelten.

Was im Detail genau beraten wurde, darüber streiten sich die Chronisten: Nach der Herzberger Chronik von Schulze aus dem Jahre 1842 sollen hier Angelegenheiten „…des Papstes Greul und der höllischen Tyrannei des Römischen Stuhles … an der deutschen Christenheit“ besprochen worden sein. Dieser Darstellung stellt sich Herr Pallas in seiner Chronik von 1901 entgegen, indem er der Meinung ist, man habe in Herzberg die undeutsche Politik des Kaisers Maximilian und des Habsburger Hauses gegenüber den norddeutschen Fürsten zur Sprache gebracht. Vielleicht haben ja beide Recht ?

Helmut Knuppe fasst in seiner Schrift „Luther in der Region Herzberg“ zusammen, dass die Stadt zu jener Zeit als ehemalige Residenzstadt der Grafen von Brehna, als Standort und Wirkungsbereich wichtiger

Gemälde Philipp Melanchthons in der Stadtkirche St. Marien Herzberg

Klöster, als Wohnsitz des sächsischen Kurprinzen und seiner Gemahlin auf jeden Fall „eine besondere Bedeutung hatte, die sich in den ersten 30 Jahren der Kirchenreformation immer wieder auswirkte“.
In der Kirchengeschichte blieb auch nach den Recherchen von Lars Jage das Elsterstädtchen als Sitz eines Erzpriesters weiterhin federführend, denn dem Herzberger Konvent von 1578 folgte 1592 ein ernster Angriff der Bürgerschaft auf die „kalvinistischen Irrtümer“ des Bürgermeisters, Stadtrichters und Stadtkämmerers. Der Kurfürst griff als eifriger Gegner dieser Glaubensrichtung erneut ein, ließ die Stadtoberhäupter „Urfehde“ schwören und alle Herzberger Kalvinisten ausweisen.

Aber nicht nur die berühmten Wittenberger Professoren schrieben in Herzberg Reformationsgeschichte. Auch ein Herzberger Sohn reiht sich in diese Annalen.

Als Johannes Clajus d. Ä. 1535 das Licht der Welt in Herzberg erblickt, sind seit der Einführung der Reformation erst 13 Jahre vergangen. Der begabte Schüler erhält als Erster die durch Kurfürsten Moritz dem Rat der Stadt zugestandene Freistelle an der Fürstenschule zu Grimma. Dort studiert er von 1550 bis 1555 und wechselt dann nach Leipzig. Eine Lehrerstelle begleitet er 1558 bis 1560 in Herzberg. Er ging in die deutsche Sprachgeschichte als einer der bedeutendsten Verfasser der „Deutschen Grammatik“ ein, obwohl ihm das Werk, welches ihn berühmt machte, heute kaum einer namentlich zuschreiben kann.

Herzberg schreibt seit dem Startschuss durch Philipp Melanchthon und Martin Luther erfolgreich Schulgeschichte. Alle Schularten Brandenburgs sind hier etabliert, auf das modernste ausgestattet und können von Lernenden jeden Alters gewählt werden. So wie sich Torgau mit dem Hof des Kurfürsten Friedrich dem Weisen als Verwaltungszentrum der Reformation und Wittenberg mit der Malerfamilie- und schule Chranachs als deren Zentrum für Kunst und Kultur profilieren können, steht Herzberg der Rang des Bildungszentrums zu.

In Herzberg wurde einer der Kerngedanken der Reformation: „das Mündigwerden des Subjektes“ wissenschaftlich definiert und für die Bevölkerung direkt erlebbar. Hier begann der Aufbruch in die Neuzeit.
Der Gewissensbegriff wurde kommuniziert und die Institution Kirche enthierarchisiert.

Die Geschichte der Stadt Herzberg ist imposant geprägt von der im Stadtbild auch baulich mannifestierten Einheit von Rathaus – Kirche – und Schule.
Hier schlägt das Herz der Stadt, dass es im Namen trägt, hier leben die Gedanken der Freiheit und Bildung als Garanten für Kraft, Ausdauer, Mut und Innovation seit nunmehr 500 Jahren als wertvollstes Erbe fort.

Text und Fotos: Stadtarchiv Herzberg

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Herr Holger Fränkel

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